Man trifft nicht jeden Tag einen Prinzen

8. Mai 2019: Wörlitz steht Kopf. Ein Prinz, nein – DER Prinz – Prinz Charles will auf seinem Deutschlandbesuch zwischen Berlin, Leipzig und München das Dessau-Wörlitzer Gartenreich besuchen.

Nicht nur als rasende Reporterin im Tagesdienst für „Sachsen-Anhalt heute“ ist das etwas Besonderes. Ich arbeite nicht wirklich für die Klatschpresse.

Nein, ich bin eine von vielen, die normalerweise über die alltäglichen Dinge berichtet und dabei immer wieder auf Menschen trifft, die sonst kaum Beachtung finden. Menschen, die es verdient haben, auch einmal im Mittelpunkt zu stehen. Vereinsmitglieder, Ehrenamtliche jeglicher Art, Menschen, die sich für andere engagieren, Leute, die schwer und für zumeist wenig Geld arbeiten müssen.

Heute stehe ich nicht als Tourist in London vor Buckingham Palace, um sowieso keinen Blick auf die britischen Monarchen zu erhaschen. Nein, heute stehe ich in Wörlitz vor einem Schloss vor der eigenen Haustür. Und mit mir stehen da Hunderte von Menschen, die den Zufahrtsweg säumen.

Ich haben einen exklusiven Warteplatz. Direkt vor dem Schloss ist eine Presse-Tribüne aufgebaut. Das Handy ist gezückt. Ich erwarte nicht viel. Aber ein eigenes Foto vom Prinzen muss drin sein – auf die Schnelle, versteht sich. Direkt an ihn herankommen werde ich sowieso nicht. Wer denkt, man könne als Pressemensch einen Prinzen einfach mal so interviewen, der irrt. Das ist nur relativ wenigen Journalisten vergönnt. Es bedarf genauer Absprachen und Formalitäten im Vorfeld. Einfach so gibt ein Monarch keinem Journalisten ein Interview. Das schickt sich nicht.

Mein Kameramann hat die Hauptarbeit. Er muss so schnell wie möglich Bilder einfangen – im Pulk aller anderen Journalisten. Es gilt, die kurzen Momente abzupassen, in denen der Prinz sich dem Volke zeigen wird.

Und das geht so: Nach zwei Stunden Verspätung rollt die Staatskarosse mit zehn anderen Fahrzeugen an. Davor eine Eskorte von Motorrädern der Polizei. Das Fähnchenwinken beginnt. Der hohe Besuch darf dort langfahren, wo sonst nur Fußgänger erlaubt sind. Prinz Charles steigt, begleitet von seinen Wächtern, vorm Schloss aus, winkt, wird umgehend vom Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Reiner Haseloff und der Chefin des Gartenreichs, Brigitte Mang, begrüßt. Normalerweise würden sie jetzt alle die Freitreppe des Schlosses hinauf schreiten. Umdrehen, winken fürs Volk und für die Presse ein paar Aufnahmen zulassen.

Doch dieser Prinz ist anders. Prinz Charles lässt sich Zeit. Geht auf die winkenden Menschen hinter der Absperrung zu. Schüttelt Hände, macht Smalltalk – ja er spricht sogar Deutsch. Da ist Zeit für eigene Fotos. Er wirkt herzlich, lächelt – erst dann verschwindet er im Schloss, um sich ins Gästebuch einzutragen. Wer hier den ganzen Tag gewartet hat, wird belohnt. Der Prinz macht anschließend einen Spaziergang durch den Park, mit einer der Wörlitzer Gondeln wird er über die Wasserstraße zu der Stelle gefahren. Dort pflanzt er einen Baum. Einen Vogelbeerbaum. Als Geschenk bekommt er eine kleine Deutsche Eiche überreicht – für seinen jüngsten Enkel. Diese soll er in England einpflanzen. Natürlich läuft alles nach Plan, natürlich wird Prinz Charles abgeschottet von seinen Leibwächtern. Und dennoch ist der Kontakt zum Wörlitzer Volke allgegenwärtig.

Prinz Charles sieht übrigens besser aus als im Fernsehen. Sein Alter steht ihm. Heißt es nicht, Männer werden mit den Jahren äußerlich attraktiver? Hier trifft es zu.

Mein Foto habe ich bekommen. Es blieb nicht bei einem. Wie schön, dabei gewesen zu sein.